In diesem Jahr ist jemand von mir gegangen.
Ein bester Freund, und nicht nur für mich, der Fels in der Brandung, der mir immer Sicherheit garantierte, der mich auffing, aus welchem Grund auch immer ich gefallen bin. Ein Mensch der mich leitete, und unterstützte, wie aussichtslos diese Pläne auch erschienen.
Ein Mensch der mich ohne Bedingungen Liebte, genau wie ich es ihm gegenüber tat.
Es ist ein Teil meiner Selbst von mir gegangen… mein bester Freund… Mein Vater…
Das seltsame ist dabei, das ich kaum Trauer empfinden kann.
Klar kamen mir mittlerweile hier und da die Tränen, allerdings tiefe Trauer kam nie wirklich auf.
Er verstarb von einem Tag auf den anderen… ohne irgendwelche Anzeichen.
Um 7 Uhr früh rief er mich noch am 4 März an und sagte mir, dass ich mein Geburtstagsgeschenk vom Flughafen abholen solle, und wir plauderten über dies und das, ganz normal halt.
Um 16:00 traf ich den Bekannten meines Vaters am Flughafen, der mir mein Geschenk, ein I-Pad, überreichte. Nur Minuten später, erreichte mich ein weiterer Anruf…
“Jerome… Dein Vater ist Tod…”
Fassungslosigkeit… Leere.. Schwindel… ein wirres Durcheinander von Gefühlen, welches auch hier und da von Tränen begleitet wurde…
Keine 24 Stunden später saβ ich im Flieger nach Berlin…
Nach fast 3 Jahren, dass erste mal zurück in mein Heimatland…
In Berlin, am 6 März, angekommen, erreichte mich ein weiterer Anruf…
“Jerome,… Keanu (mein Sohn) hat 40 Grad Fieber und ist am Erbrechen…”
Ich wäre an der Stelle am liebsten umgekehrt… denn die Sorgen um meinen einjährigen Sohn quälten mich innerlich.
In unserer Religion ist es Brauch, dass der älteste Sohn, die letzte Waschung durchführt, bevor der Körper in ein weiβes Tuch gehüllt wird, und es zur Bestattung geht.
Auch die Vorstellung dieses von mir verlangte Ritual an meinem Vater, der zu dem Zeitpunkt noch in der Autopsie lag, durchzuführen, brachte mich innerlich in Panik… Jedoch überschatteten die Sorgen um meinen Sohn, jegliche andere Gedanken. Alle halbe Stunde kontaktierte ich, die nächsten Tage meine Frau in Indonesien.
Die Wohnung meines Vaters und meiner Stiefmutter war immer so besucht, dass man kaum Zeit hatte, wirklich in Trauer zu verfallen. Meine Stiefmutter geriet oft nur zum Weinen, weil so viele Menschen ihr Unterstützung aufzwangen…
Mein Vater war ein gewöhnlicher Taxifahrer… Und konnte daher nicht wirklich viel Materie hinterlassen.
Allerdings hinterlieβ er meiner Stiefmutter etwas wesentlich wertvolleres… Freunde…
Diese Freunde waren für uns da, die kompletten Beerdigungskosten wurden übernommen, wir mussten uns in der Hinsicht, um nichts kümmern.
Viele, viele Freunde kamen zu Besuch, übernachteten bei uns, und bauten uns auf.
Und dann erzählte mir, eines Abends, eine Freundin, meines Vaters, mir eine Begebenheit, welche ich für den Rest meines Lebens mit mir Tragen werde.
Sie fragte mich zuerst, ob ich wüsste, wie stolz mein Vater auf mich war…
Sie erzählte mir, wie mein Vater, Wochen zuvor mit ihr auf einem Balkon stand und sie gemeinsam rauchten.
Sie erzählte, wie mein Vater zu ihr sagte, wie stolz er auf mich sei. Dafür wie ich mein Leben nun bestreite, wie hart ich arbeitete, und was ich mittlerweile schon bewältigt und erreicht hatte.
Mein Vater erzählte ihr, wie klein er sich so viele Jahre lang vorkam, wenn seine Freunde über ihre Kinder berichteten, was diese arbeiteten oder studierten… Er konnte damals nie mit reden, gestand er ihr.
Aber nun… sagte er zu ihr… nun kann ich mitreden.
Sie erzählte mir, wie er sie auf dem Balkon in den Arm nahm und ganz fest drückte…
“Ich bin so stolz… Sooo glücklich…” sagte er zu ihr…
Kann sich jemand vorstellen, wie viel Wert dieser kleine Bericht für mich hat?
Egal was auch noch kommen mag… Einen der gröβten Siege konnte ich nun mittlerweile mit meiner Arbeit, und diesen Weg den ich einschlug, einfahren.
Ich konnte einem der wichtigsten Menschen, in meinem Leben, mit Stolz und Glück erfüllen.
Mein Vater ist mit diesen Gefühlen von uns gegangen… Mit Stolz und Glück…
(Mist… nun kommen mir doch die Tränen)
Aber das kann mir niemals mehr jemand nehmen… Dieser Sieg ist für immer.
Am Freitag dem 8 März wurde der Körper zur Beerdigung freigegeben. Auch bekam ich um ca. 6 Uhr früh eine SMS aus Indonesien…
“Keanu’s Temperatur ist runter au 36,7… Er ist wieder top fit…”
Mit dieser Erleichterung fuhr ich zum Bestattungsunternehmen.
Wie in Trance betrat ich den kalten Raum, wo in Plastikfolie gewickelt, auf einem Metalltisch, mein Papa lag.
Ich zitterte am ganzen Körper als wir die Folie entfernten, und ich somit, nach über einem Jahr, auf das Gesicht meines Vaters blickte.
Ein Schlauch ragte noch aus seinem Mund, welcher wohl nach den Wiederbelebungsversuchen einfach durchtrennt wurde.
Als der Ustad (islamischer Priester) diesen Schlauch ergriff, um diesen raus zu ziehen, musste ich mich weg drehen, das war zuviel für mich.
Danach allerdings fingen wir an, den Körper meines Vaters zu waschen.
Ich hielt oft seine steife Hand dabei, streichelte seinen Kopf…
Ich nahm Abschied…
Und nun im Nachhinein, mag es auch noch so makaber für einige von Euch erscheinen, bin ich sehr froh, dass ich ihm diesen letzten Dienst erweisen durfte.
Nach der Waschung fuhren wir direkt zur Moschee zum Freitagsgebet…
Zig Freunde meines Vaters waren schon dort, Muslime, Christen, Juden… Alle standen sie im Vorhof der Moschee.
Nach dem Gebet erblickte ich den Sarg meines Vaters, der nun im Vorhof stand.
Wir reihten uns davor auf um das letzte Gebet für meinen Vater abzuhalten.
Nicht nur wir die wir meinen Vater kannten, jeder der die Moschee verlieβ reihte sich ein.
Als das Gebet ausgerufen wurde, stimmten somit über 800 Personen in das Gebet ein.
Danach wurde er zu Grabe getragen.
Mein Vater… ein gewöhnlicher Taxifahrer… dennoch… ein groβartiger Mensch…
Gerade die Freunde, die noch nie zuvor einer islamischen Beisetzung beigewohnt hatten, traten auf mich zu, und erklärten mir, dass sie so etwas zuvor noch nie erlebt hatten.
Eine solche Gemeinschaft, ein solcher Zusammenhalt…
Ich kann dazu nur sagen, dass dies nicht hauptsächlich einem Glauben zugeschrieben werden kann, sondern der Lebensart des Beerdigten.
Mein Vater lebte ein Leben in Demut,… Helfen war ihm wichtiger als zu Besitzen…
Freunde waren ihm wichtiger als Geld…
Und Spaβ wichtiger als Arbeit…
Dennoch war einer seiner wichtigsten Ratschläge immer… “Sei fleiβig!”
Ich bin gesegnet, dass ich einen Vater hatte, der mir seine Werte vorgelebt hatte.
Er hat mir beigebracht, jeden Menschen gleich zu behandel, egal wie klein, egal wie arm oder egal wie reich… Wir sind alle gleich!
Das ich noch in seiner Lebzeit beweisen durfte, dass ich seinen Werten folgen werde…
Erfüllt nun mich mit Stolz…
Warum ich nicht wirklich trauern kann, ist daher leicht erklärt…
Ich liebe meinen Vater einfach viel zu sehr… es gibt nichts, was unausgesprochen blieb…
Wenn ich an meinen Vater denke erfüllt es mich mit Liebe…
Die Momente die wir hatten… erfüllen mich mit Freude…
Und dass ich 2009 Deutschland den Rücken kehrte, und fast vier Monate mit meinem Vater in Indonesien Urlaub machte… War die wohl beste Entscheidung die ich in meinem Leben tätigte…
Zu der mich mein Vater, gegen aller Vernunft, riet…
Dieser Entscheidung wegen, verdanke ich eine Frau, verdanke ich meinen kleinen wundervollen Sohn… und ein Leben voller neuer Perspektiven…
Deshalb danke ich der Liebe… wie sie die Gedanken an meinen Papa erfüllt…

Keine Kommentare:
Kommentar veröffentlichen